Kinderarbeit

Kinderarbeit in der Textilindustrie

René Gräber
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René Gräber

Im Jahre 2013 ereignete sich die Katastrophe. Der schreckliche Vorfall erinnerte uns an etwas, das wir alle wissen und – wörtlich zu nehmen – „in Kauf nehmen“: die skandalösen Zustände in Textilfabriken (und anderen) in der sogenannten „Dritten Welt“. Was war passiert?

Das Rana-Plaza-Gebäude in Sabhar/Bangladesch stürzte am 24. April des Jahres ein und begrub zahlreiche Menschen unter sich. 1135 von ihnen waren tot und 2438 zum Teil schwer verletzt. Alle hatten in dem maroden Bau in der Produktion von Textilien mitgearbeitet. Vernachlässigte Sicherheitsmaßnahmen und schlechte Bau-Materialien hatten zu der Katastrophe geführt. Doch nicht nur Ramsch-Klamotten nähten die Menschen dort zusammen, sondern auch renommierte Marken-Bekleidung.

Unter den Opfern der Katastrophe waren auch zahlreiche Kinder. Das zeigt das Allerschlimmste der ganzen Problematik auf: Die Kinderarbeit, die von 2020 auf 2021 weltweit wieder zugenommen hat, nachdem die Zahl in den vorangegangenen Jahren gesunken war. So wird den 160 Millionen Heranwachsenden ihre Kindheit geraubt, weil sie hemmungslos ausgebeutet werden. 2016 waren es “nur“ 94 Millionen furchtbare Einzelschicksale. Rund 55 % der versklavten Kinder waren sogar unter 12 Jahre alt.

In Afrika und Südostasien zum Beispiel ist es gang und gäbe, dass fünf- bis 14-jährige Kinder in spärlich beleuchteten Spinnereien und Textilfabriken den ganzen Tag vor ohrenbetäubenden Maschinen sitzen müssen. Anderswo stehen sie auf Baumwollfeldern, so weit das Auge reicht, in ständigem Kontakt mit Pestiziden. Gerade die Zahl der 14- bis 17-Jährigen, die solche besonders riskanten Arbeiten verrichten, nimmt stetig zu. Die unter solchen Zuständen produzierten Textilien kaufen wir dann hier für wenige Euro, um sie oft genug nach dem ersten Waschen in die Mülltonne zu werfen.

Diese kaum entlohnte Arbeit, die die Kinder dort unter menschenunwürdigen Bedingungen leisten müssen, würde hierzulande kein Erwachsener mehr als 30 Minuten aushalten.

Für so ein schickes, buntes Hemdchen, das Sie hier im Laden für vielleicht 29,90 Euro kaufen, bekommt die Näherin in Südostasien gerade mal 18 Cent. Handelt es sich dabei „nur“ um ein Kind, bekommt dies kaum die Hälfte davon. Entsprechend weniger ist das bei einem einfachen T-Shirt, das auf dem Grabbeltisch bei uns für unter fünf Euro zu haben ist. Und diese Billig-Preise gibt es trotz anziehender Inflation!

Was ist der Motor dieser unerträglichen Zustände?

Früher gab es mal eine Sommer- und Winterkollektion, die für beständige Abwechslung in der Mode sorgen und die Kauflust der Konsumenten antreiben sollte. Das reichte den gierigen Konzernen so aber nicht aus, daher wurde das Stichwort „Fast Fashion“ erfunden, um so eine Notwendigkeit des monatlichen Wechsels der Kollektionen zu begründen.

Tatsächlich kauft allein jeder Deutsche im Durchschnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr, wobei der günstige Preis für die meisten das ausschlaggebende Kriterium ist.

Die Kinder in den hauptsächlichen Textilproduktions-Ländern haben in aller Regel gar keine andere Wahl, als ihre verarmten Eltern finanziell, also mit ihrer Arbeitskraft zu unterstützen. Im Skandal-Hotspot Bangladesch beträgt das Monatseinkommen eines/r erwachsenen Nähers/rin umgerechnet 61 Euro. Ein Kind verdient noch weniger.

Die kargen Löhne reichen für Unterkunft und Lebensmittel nur, wenn die ganze Familie zur Akkord-Arbeit in die Textilfabrik geht. Für die Krankenversicherung bleibt kein Geld mehr übrig. Steigen werden die Löhne nicht, weil Streiks von der Polizei beendet werden.

Zwar ist Kinderarbeit in Bangladesch verboten, jedoch muss der Arbeitgeber bei Zuwiderhandlung eine lächerliche Strafe zahlen: 5.000 Taka sind fällig, das entspricht 60 Dollar und damit etwa dem Monatslohn eines Erwachsenen, der einen 12-Stundentag hat. Kinder arbeiten genauso viel und können deswegen nicht zur Schule gehen. Die Folge sind geringere Lebens-Chancen, wodurch ein Entkommen aus der Zwangslage schier unmöglich ist.

In Indien beträgt das Durchschnittseinkommen umgerechnet rund 140 Euro, aber Statistik ist nicht besonders gut geeignet, die Realität der einzelnen Menschen abzubilden. Damit ein Superreicher als „Datenausreißer“ in der Statistik seinen Ausgleich findet, müssen 50.000 arme Familien eben deutlich weniger als den Durchschnittswert verdienen.

Der asiatische Kontinent exportiert weltweit die meisten Textilwaren. Ungefähr sieben Prozent der Kinder dieses großen Kontinents, das sind immerhin um 62 Millionen Kinder, müssen in extrem ausbeuterischer Weise arbeiten. Mit Sklavenarbeit ist die Situation gewiss treffend umschrieben. Manchmal kommt es sogar ans Tageslicht, was dort passiert, zumindest dann, wenn Medien wittern, eine Schlagzeile gut verkaufen zu können.

Auf die Kinderarbeit in Afrika wurde oben bereits hingewiesen. Den Schwerpunkt bilden dort die südafrikanischen Länder Lesotho und Swasiland, während Baumwolle vorrangig von Kindern in Ägypten und Usbekistan geerntet wird. In diesem Rahmen müssen die Baumwollpflanzen nach Raupen abgesucht und die bereits infizierten Blätter entfernt werden. Bei der Seidenproduktion kommt es immer wieder zu schweren Infektionen durch tote Seidenraupen und beim Färben der Stoffe sind es giftige Dämpfe, die den Kindern zusetzen.

Können beziehungsweise sollten wir etwas gegen Kinderarbeit tun?

Wer nun bereitwillig darauf achtet, dass sein T-Shirt in Zukunft mindestens 50 Euro kosten muss, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn auch dieses Kleidungsstück kann von einem Kind für wenige Cent produziert worden sein. (Ja, es gibt noch einen deutschen Textil-Hersteller). Im Übrigen kann jeglicher Aktionismus für die betroffenen Menschen nach hinten losgehen, solange nicht dafür gesorgt ist, dass diese dann eine alternative, menschenwürdige Einkommensquelle haben. Ihnen nur einfach ihrer jetzigen Möglichkeiten zu berauben, wäre das denkbar schlechteste Vorgehen.

In dieser Firmenliste hat „aktivgegenkinderarbeit“ eine Übersicht zusammengestellt mit einem Fokus auf diese Kriterien:

  • Unternehmenspolitik gegen Kinderarbeit
  • Kontrollen der Produktionsstätten
  • Vorwürfe bezüglich Kinderarbeit
  • Engagement gegen Kinderarbeit

Wer sich für die Situation der vielen Kinder interessiert, die täglich auf Baumwollplantagen für uns alle schuften müssen, dem möchten wir abschließend noch diesen ausführlichen Artikel von der Environmental Justice Foundation (EJF) ans Herz legen:

https://ejfoundation.org/resources/downloads/The-Children-behind-Our-Cotton-FINAL_small.pdf

Initiativen wie das „Fairtrade“-Label oder das GOTS-Siegel sind zwar begrüßenswert, konnten jedoch den erneuten Anstieg der Kinderarbeit nicht verhindern.

Ohne eine gute, fundierte wirtschaftspolitische Weichenstellung in den betroffenen Ländern wird es nicht gehen. Auch die reichen Import-Länder müssen endlich einen wirksamen Einfluss auf die Textil-Exporteure ausüben.

Was kann das Lieferkettengesetz bewirken?

In Deutschland tritt am 1. Januar 2023 ein nationales Lieferkettengesetz in kraft, das von NGOs schon als “butterweich“ kritisiert wurde. Das bereits entworfene Gesetz der EU könnte allerdings wesentlich effektiver sein. So gilt das europäische Regelwerk bereits für Unternehmen ab 500 Mitarbeitern/innen, wohingegen die Deutschen die Grenze bei 3.000 festgelegt hatten. Auch besteht die EU auf einer Kontrolle der gesamten Lieferkette. Das deutsche Gesetz umfasst nur die direkten Zulieferer.

Zudem können laut dem vorliegenden europäischen Gesetzentwurf Unternehmen auf Schadensersatz verklagt werden, wenn sie den Vorschriften zuwiderhandeln. Voraussichtlich 2023 soll das Gesetz nach dem Plan der EU-Kommission vom Rat und Parlament verabschiedet werden. Dann müsste der deutsche Bundestag Anpassungen an die schärferen EU-Regularien vornehmen.

Laut dem EU-Gesetz „soll die Unternehmensleitung…die Folgen ihrer Entscheidungen für die Nachhaltigkeit, gegebenenfalls auch für die Menschenrechte, den Klimawandel und die Umwelt berücksichtigen.“ Ein Verstoß kann zivil- und strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, während im deutschen Lieferkettengesetz nur Geldbußen vorgesehen sind.

Doch Kritiker sehen bereits jetzt, wie Unternehmen das EU-Gesetz unterlaufen können. Prof. Dr. Stefanie Lorenzen von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht sieht ein potenzielles Schlupfloch. So beziehen sich die Vorschriften nur auf schon länger tätige Zulieferer eines Unternehmens. Die Gelehrte ist gleichzeitig im Vorstand von German-Watch und meint, wenn ein Hersteller oder Händler seine Zulieferer ständig wechselt, könne das Lieferkettengesetz nicht mehr greifen. Freilich ist diese Ausweichmöglichkeit auch begrenzt, weil es nicht beliebig viele Zulieferer für ein bestimmtes Produkt gibt. Doch auch an diesem Punkt könnten juristische Winkelzüge das Gesetz aushebeln.

Übrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter “Unabhängig. Natürlich. Klare Kante.” dazu an:

Dieser Beitrag wurde am 09.03.2022 erstellt und am 25.07.2022 aktualisiert.

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